Berliner Schachgeschichte(n), Ausgabe 4

Hier die Partie:

Mendelssohns Spiel scheint – insofern es berechtigt ist, aus einer einzigen Partie einen solchen Schluss zu ziehen – von der Spielführung Philidors beeinflusst worden zu sein. Man könnte das aus der Eröffnung und der zurückhaltenden Spielweise erkennen. Doch kann das eben so gut eine Folge des Naturells sein. Sein Spiel ist vom 10. Zuge an gar nicht übel, allerdings nicht das eines starken Amateurs; kleine Pläne, Tücken von 2 bis 3 Zügen stören den Gegner in seinem Vorhaben. In Lessings Spiel lässt sich ein weiterer Blick, ein umfassenderer Plan – in der Läuferpostirung auf e6 und b2 und dem offenbar beabsichtigten Rochadeangriff – nicht verkennen, aber die Beherrschung der Technik ist eine ganz unvollkommene, wie der 8., 14., 15. und 17. Zug zeigen. Die schnelle Figurenentwicklung in der Eröffnung lässt vielleicht die Einwirkung der italienischen Schule erkennen. Und so sehen wir in der vorliegenden Partie nicht allein den friedlichen Kampf zweier grosser Geister, wir sehen vor unsern geistigen Augen auch die beiden Spieltypen um die Herrschaft ringen, deren Vorkämpfer auf der einen Seite Philidor, auf der anderen del Rio und Lolli waren.

Quelle:  Akademische Monatshefte für Schach. Herausgegeben vom Akademischen Schachklub in München. II. Serie No. 26 & 27. Februar und März 1896, S. 2-3

2 Gedanken zu „Berliner Schachgeschichte(n), Ausgabe 4“

  1. Man muss nur wissen wie man auf google sucht…

    “Stadtgerichtsrat L.”:
    Gerichtsrat Robert Lessing in Berlin besass damals die “Minna”, wie Muncker berichtet.

    Quelle: Gotthold Ephraim Lessings Sämtliche Schriften. Hrsg.
    von Karl Lachmann. 3. Auflage, 1886, Auf’s neue durchgesehene und verm.
    Aufl., besorgt durch Franz Muncker, Vorwort Seite VII.

  2. Der als M. gekennzeichnete Spieler ist möglicherweise nicht Mendelssohn. Antonius van der Linde zitiert 1873 in seinem Buch “Schach bei den Juden”, S. 41 zwei Quellen die auch einen anderen Schluss zulassen:

    „Aus jüngern Jahren fallt mir ein Jude ein, Namens Michel, der in allen Dingen, bis auf zwei Elemente, verrückt erschien. Wenn er Französisch sprach, kam kein unebenes Wort über seine Lippen, und spielte er vollkommen Schach. So kommt dieser verrückte Michel (wie man ihn nannte) zum alten Mendelssohn, der sitzt und spielt Schach mit dem alten Rechenmeister Abram. Michel sieht das Spiel an. Abram macht endlich eine Bewegung mit der Rechten, um das Spiel als verloren umzuwerfen, und erhält einen derben Schlag am Kopfe, dass ihm die lose Pernicke abfällt. Abram hebt ruhig seine Perrucke auf und spricht: „Aber, lieber Michel, wie hätte ich denn ziehen sollen?“ — Lessing hat den “Vorfall im Nathan nachgebildet, und da ich auch im Zuge bin, noch Folgendes. Der eben genannte Rechenmeister Abram ist eben der, welchen Lessing als Alhafi zum Modell gehabt hat. Er galt für den grössten Rechenmeister und Sonderling, unterrichtete für wenige Groschen oder umsonst und bewohnte in Mendelssohns Haus ein Zimmer, auch umsonst. Lessing hielt viel auf ihn, seiner Pietät und seines angeborenen Cynismus wegen. “ (Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter u. s. w. her. v. Fr. W. Riemer, IV. Th. Berlin 1834 S. 137). Ueber den genannten Abraham, auch Abraham Wolf oder „Abraham Rechenmeister“ genannt, Freund Euler’s und als Mathematiker gerühmt, ist mehr bei Kayserling (Mos. Mendelssohn S. 333—5) zu lesen, wo er ein leidenschaftlicher und „Michel“ ein vorzüglicher Schachspieler genannt wird.

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