“Hundertmal in Berlin versackt / In Hamburg ging’s wild zu / Harte Nächte auch in Bremen / Und sogar in Magdeburg“. Ihrem Song “Wir sind der Weg” zufolge waren die Toten Hosen also eher selten in Magdeburg, wo für uns die neue Oberligasaison starten sollte. Anders als die Hosen kannte sich unsere Kreuzberger Truppe dank DSAM und Schachgipfeln in der Stadt aber schon ein bisschen aus. Sightseeing stand an diesem Oktoberwochenende trotzdem wenig an, denn endlich stand wieder Schach auf dem Plan. Am Start war die wilde Machertruppe aus Robert, Johannes, Aaron, Freddy, Aron, Julian, Ersatzmann Constantin und Ersatzmonster Momme. Zum Saisonauftakt gab es für unsere Erste den Magdeburger Doppelpack: am Samstag gegen Gastgeber USC, am Sonntag gegen Zweitliga-Absteiger Aufbau Elbe.
Samstag: USC Magdeburch
Der USC stellte hinten etwas schwächer auf als befürchtet, war dafür vorne stark besetzt. Das Match lief gut an und bot reichlich spannende Duelle, die allesamt bis in die beidseitige Zeitnot dauerten.
Unserer leichten Favoritenrolle wurden wir zuerst an den hinteren Brettern gerecht. Wie es bei den Eisbären Berlin nach einem Tor so schön heißt: „Ene meine miste, es rappelt in der Kiste!“. Bei Kreuzberg rappelte es gleich doppelt, jeweils nach ein paar kleinen Taktiken samt Qualitätsgewinn. An Brett 7 verwirrte Constantin seinen Gegner mit hochgradig fragwürdigen Eröffnungsexperimenten derart, dass dieser seinen Vorteil binnen weniger Züge in eine schwierige Stellung verwandelte und zwei simple Taktiken übersah. Momme spielte eine deutlich dominantere Partie voller kleiner taktischer Feinheiten, die in ein Spiel auf ein Tor und schließlich Materialgewinn mündeten.

Der weit angereiste Julian konnte den Trend leider nicht fortsetzen: Nach einer stark schwankenden Partie verpasste er die rettende Verteidigung und ließ sich respektvoll mattsetzen. Dafür ging Freddy als Sieger aus seinem Theorieduell hervor. Die kläglichen Angriffe auf seinen König wehrte er mühelos ab, und die positionelle, am Ende auch materielle Dominanz seines Läuferpaars zwang den Gegner schließlich zur Aufgabe.
Das Läuferpaar spielte auch bei Aron eine Hauptrolle: Bis tief in die Zeitnot beherrschte es das Brett, als Aron dann im bekanntlich heimtückischen 40. Zug übersah, dass sein Gegner ihm das Läuferpaar nun forciert abnehmen konnte. Das folgende Endspiel verlor er dann unglücklich (also, zumindest war Aron darüber unglücklich). Es sollte dabei angemerkt werden, dass auch der 41. Zug direkt nach der Zeitkontrolle für seine Patzerhäufigkeit berühmt-berüchtigt ist. Bei manchen Spielern sind aber ebenso der 42., 43., 44. Zug und eigentlich generell fast alle anderen Züge fragwürdig (zumindest kommt es dem Autor bei sich gerade so vor).
Für zusätzliche Spannung im Match sorgte schließlich Robert. Er opferte an Brett 1 gegen seinen starken Gegner schon in der Eröffnung eine Qualität, bekam aber nie echte Kompensation und musste nach tapferer Gegenwehr den Punkt abgeben. 3:3, der USC hatte ausgeglichen.

Machten wir uns Sorgen um den Ausgang? Nein. Denn an den Brettern 2 und 3 reichte zu diesem Zeitpunkt schon das Bauernzählen für die richtige Stellungsbewertung: Johannes und Aaron hatten in sehr unterschiedlichen Endspielen jeweils einen dicken, fetten Mehrbauern. Bei Aaron stabilisierte der Mehrbauer die Bauernkette, sicherte seinen König und ermöglichte den siegreichen Königsangriff mit Dame und Springer, einem im Endspiel zu Recht gefürchteten Duo. Johannes ließ nach einem strategisch hochspannenden, damenlosen Mittelspiel im Turmendspiel zwischendurch vielleicht mal ein Remis zu, überspielte seinen Gegner am Ende aber risikolos. Der wollte seine Niederlage (und die seines Teams) nicht einsehen und spielte selbst mit einer Dame weniger noch einige Züge lang erfolglos auf Patt.
5:3 ist kein dominanter, aber ein richtig wichtiger Sieg gegen eine der schlagbaren Mannschaften der Liga. Im Anschluss wurden die Sektkorken knallen gelassen und im (darf man das mit 30 noch schreiben?) jugendlichen Leichtsinn der eine oder andere Schabernack getrieben.
Sonntag: Aufbau Elbe Magdebruch
Nein, nicht verlesen: Der Sonntag war für den Großteil der Mannschaft keine Sternstunde und sorgte für den einen oder anderen „Bruch“. Aber der Reihe nach.
Den Auftakt machten wieder einmal Momme und Constantin an den hinteren Brettern, diesmal allerdings unter entgegengesetzten Vorzeichen: Quasi zeitgleich legten sie kurz vor der Zeitkontrolle eine Grätsche hin und mussten sich geschlagen geben. Momme lieferte immerhin noch einen harten Kampf um einen Vorpostenbauern seiner Gegnerin. Constantin dagegen spielte eine Katastrophenpartie ohne Eröffnungskonzept und Gegenspiel und bereute seine nicht existente Vorbereitung bitter. Auch Aaron geriet am dritten Brett mit Schwarz früh unter Druck und musste sich vergleichsweise bald geschlagen geben. Johannes kämpfte nach einer wilden Partie zwar tapfer bis tief ins Endspiel, musste seinem Gegner am Ende aber ebenfalls die Hand reichen.
Einziger Lichtblick des Tages war erneut Freddy. Zwar verschätzte er sich in der Eröffnung gnadenlos und gab seinen Traumläufer auf g2 grundlos auf (Engine: von ausgeglichenem Spiel Sprung zu +1 für den Gegner). Die Haltung „Das ist noch meine Theorie“ kennen wir allerdings schon von ihm. In Graal-Müritz prägte er Anfang des Jahres in strategischer Verluststellung (laut Engine +2 für den Gegner, direkt aus der Eröffnung) den schönen Ausspruch „Dit hab ick doch bei Keymer so gesehen“. Trotz dieser Eröffnungsextravaganzen erkämpfte sich Freddy dank seiner taktischen Brillanz einen Mehrbauern. Je schlechter die Stellung seines Gegners wurde, desto finsterer wurde auch dessen Blick, bis Freddy über seinen Freibauern eine schöne Gabel ansetzte und den einzigen vollen Punkt für den SCK einsackte.
Ein paar Remis holten wir immerhin noch: Julian spielte eine solide Partie und war mit dem Ergebnis eigentlich zufrieden, weil er mit einer ähnlichen Variante vor einer Weile noch sehr schlechte Erfahrungen gemacht hatte und es diesmal besser lief. Vielleicht wurde Julian durch seinen morgendlichen, entspannten 12-km-Lauf entlang der Elbe „aufgebaut“. Robert kam nach Ungenauigkeiten in der Eröffnung und einem spannenden Bauernopfer für die schwarzen Felder aus einer Gewinnstellung heraus leider nur zum Remis. Auch Aron führte einen langen strategischen Kampf, bei dem sein Gegner scheinbar das Springerproblem lösen wollte, indem er sein Rössel die spannende Route g1-e2-g3-h1-f2-d3-c5-d3-e5 springen ließ. Mit ungleichfarbigen Läufern ließ sich im Endspiel aber auch für Aron nicht mehr als ein halber Punkt herausholen. Der Endstand von 2,5:5,5 war dann leider doch sehr deutlich, kann aber gegen starke Gegner auch mal vorkommen.
Unerwartet kam dagegen Johannes’ Geistesblitz auf dem Weg zum Zug: Sein Handy lag noch beim Schiedsrichter. Sehr löblich, vielleicht wollte er auch abseits des Bretts über jeden Cheating-Verdacht erhaben bleiben. Fürs Bahnticket braucht man heutzutage aber dann doch das Smartphone. Und so ließen wir Johannes in Magdeburg zurück, in der Hoffnung, dass er dort nicht noch handy- und ticketlos strandet. Nach Stunden ohne Rückmeldung wuchsen unsere Sorgen, bis er und erlöste und meldete, dass er die Gelegenheit genutzt und spontan gleich beim dortigen Unisport mitgemacht hatte.
Ausblick


Unsere einzige Auswärtsfahrt der Saison war sehr unterhaltsam und schachlich völlig in Ordnung, auch wenn sich ein paar von uns erst wieder an hochklassiges Schach gewöhnen müssen. Es war am Ende dann doch nicht der totale „Magdebruch“. Als Nächstes steht im November ein Heimspiel gegen die Schachfreunde an, die wir als Reisepartner diese Saison noch öfter bei uns begrüßen werden. Schwankend zwischen (vermutlich übertriebenen) Abstiegsängsten und Aufstiegsträumereien erwarten wir gespannt, was die Saison noch bringt. Oder, um es mit den Hosen zu sagen: „Wir haben unser Leben noch nicht gelebt / wir brauchen kein Ziel, wir sind der Weg“
Detaillierte Ergebnisse finden sich wie immer beim Ergebnisdienst