Schach-Club Kreuzberg e.V.
29Nov/114

Schach und Matt

Es gibt kein großes Glück ohne große Verbote. Selbst im Geschäft darf man nicht jedem Vorteil nachlaufen, sonst kommt man zu nichts. Die Grenze ist das Geheimnis der Erscheinung, das Geheimnis der Kraft, des Glücks, des Glaubens und der Aufgabe, sich als winziger Mensch in einem Universum zu behaupten.

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Und da die Seele hauptsächlich den Genuss liebt, widmet sie sich diesem Gefühl in seiner gesamten vorstellbaren Weite, ohne diese erfassen zu können, kann sie sich doch von einer Sache, die sie unbegrenzt begehrt, keinen klaren Begriff machen.

Giacomo Leopardi, Zibaldone

Dem Geist Grenzen setzen, damit er seine freie Beweglichkeit erfährt und umsetzen kann; über die Regeln, ohne flüchtigen Vorteilen zu folgen, zur Schönheit finden; das Begehren der Gedanken erkalten lassen, um in der Hitze des Spiels zu bestehen - vielleicht macht dies den Reiz des Schachs aus, allen Unkenrufen zum Trotz, dem der Einsatz von Computern neue Möglichkeiten hinzugefügt hat, ohne die kaum absehbare Vielzahl an Varianten, psychologischen Strategien bis ins letzte auszuloten.

Der Fotograf soll sich ein Bild machen.
Von einem Spieler, dem Spiel, dem Ort, der im Stadtteil des Vereins liegt.
Auch die Fotografie ist Sklave der Rahmenbedingungen - der Zeit und des Lichts.
Ein Novembernachmittag. Die feuchte Luft filtert milchig den Sonnenschein, der
flach einfällt.
Zwischen ehemaligen Bahnhofsgebäuden im Görlitzer Park.
Die Nachwuchshoffnung spielt weniger mit den Figuren oder einem imaginären Gegner, als mit dem Objektiv.
Manchmal sind Konzentration und Augenausdruck wichtiger
als der Wettkampf selbst, um zu zeigen, daß es um alles geht, um alles und nichts,
darum, die bestmögliche Lösung zu finden - und sei es die, ein Spiel, seinen Protagonisten
in Szene zu setzen.

Wir brauchen nicht lange, die Zeitkontrolle ist geschafft. Für den Fotografen fängt jetzt die
Arbeit an, als handle es sich um eine verzwickte Hängepartie:
Varianten der Inszenierung auszuschlagen, Kontraste, Ausschnitt und Helligkeit festzulegen.
Eine Geschichte zu erzählen - ohne einen Zug, ohne ein Wort, Bild für Bild.

Markus Epha

Kommentare (4) Trackbacks (0)
  1. hallo liebe schachfreunde,

    der beitrag und die bilder sind klasse. sie harmonieren einzigartig. so etwas habe ich im schach noch nie gesehn, grandios.

    viele grüße aus chemnitz, matthias lewandowski

  2. Hallo, liebe Schachfreunde!
    Gehe ich recht in der Annahme, dass nicht der Dargestellte Markus Epha heißt, sondern der Verfasser des Textes, nämlich der 1965 geborene Literat und Fotograf mit Zweitwohnsitz in München?
    Oder sollte es in Berlin noch einen zweiten Vertreter desselben Namens geben?
    Das wäre mir aus familiengeschichtlichem Interesse wichtig zu wissen :-) Vielleicht kann mir jemand weiterhelfen und gegebenenfalls einen Kontakt zu dem Abgebildeten vermitteln?
    Im voraus herzlichen Dank für die Bemühungen – Heike Jung, Reutlingen

  3. Hallo Heike, ja, das ist richtig. Der Fotograf und Verfasser heißt so. Schreibe bitte an bgh[at]schachclubkreuzberg.de wegen des Kontakts.

  4. Tolle Veröffentlichung – ich denke, in Kreuzberg schlummert noch mehr …

    DANKE


Leave a comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Noch keine Trackbacks.

%d Bloggern gefällt das: